Nachdem Deutschland diesen Winter wahrscheinlich mehr Schnee hatte, bekommen wir nun doch unseren Teil. Michael darf von zu Hause aus arbeiten, um die verschneiten Straßen zu meiden. Bei uns vor der Tür sieht es so aus:

Columbus im Schnee

Und der Schnee fällt weiter.

Wenn man in ein anderes Land zieht, teilt man automatisch eine wichtige Lebenserfahrung mit anderen Zugezogenen. Ob die doppelt so alt sind wie man selbst, erwachsene Kinder haben, hohe berufliche Positionen erreicht haben oder aus familiären oder einwanderungstechnischen Gründen zu Hause bleiben: Man hat sofort ein sehr ergiebiges Gesprächsthema. Und trotz der Ergiebigkeit des Themas unterhält man sich natürlich nicht nur über die Unterschiede zwischen dem eigenen Land und den USA. Und dann lernt man wirklich mal andere Sichtweisen kennen, weil die Leute an ganz anderen Punkten in ihrem Leben sind – aber an welchen, an die man vielleicht ja auch mal kommt. Und weil sie ganz andere Hintergründe haben als man selbst. Sehr interessant. Man wird zum Mittagessen mit Frauen zwischen 30 und 60 aus Australien, Neuseeland, Irland, England, Polen und Deutschland eingeladen. Die Kinder zwischen Kindergarten- und Collegealter haben, und die man alle völlig zufällig hier kennen gelernt hat.

Dazu kommen andere Deutsche, mit denen man natürlich noch mehr gemein hat, sowie etwa gleichaltrige Amerikaner, aber manchmal auch deren Familien. Und eine Meetup-Gruppe, die uns oft vor Augen führt wie wenig amerikanisch wir doch sind – in der sich aber hauptsächlich Paare einfinden, die von überall in den USA nach Columbus gezogen sind und beruflich von Verkäuferin über Investmentbanker bis Post-Doc alles mögliche machen. Diese Vielfalt im Bekanntenkreis ist etwas, das ich an unserem Leben hier wirklich zu schätzen gelernt habe!

Heute ein etwas heikles Thema. Nicht wenige unserer insgesamt sehr netten, freundlichen, höflichen und überhaupt liebenswerten amerikanischen Bekannten bitten ab und zu um einen Kauf, eine kleine Spende für einen guten Zweck oder finanzielle Unterstützung für ein mehr oder weniger persönliches Projekt. Zum Beispiel:

  • Die Kinder verkaufen Girl Scout Cookies. So finanzieren sie ihre Pfadfinderinnen-Einheit. Einzelne Mädchen und ganze Einheiten konkurrieren um die höchsten Verkaufszahlen. Die männlichen Pfadfinder scheinen dem Verkauf von Backwaren dagegen eher abgeneigt.
  • Die Kinder verkaufen Zeitschriften-Abonnements. Zum Beispiel, um Geld für ihre katholische Schule einzunehmen. Zeitschriften kann man hier nämlich nicht nur direkt ab Verlag abonnieren, sondern auch über allerlei Zwischenhändler – und das ist nicht unbedingt teurer.
  • Bekannte nehmen an allerlei Sportveranstaltungen für einen guten Zweck teil, z. B. an einem 5-km-Lauf. Offenbar von wohltätigen Organisationen veranstaltet dienen diese Läufe mindestens ebenso dem Fundraising wie dem Sport. Bekanntes Beispiel: Komen race for the cure (Brustkrebs). Oft gibt es dann eine professionell aussehende Website, auf der jeder Läufer eine Unterseite hat auf der er Spenden von Bekannten einsammeln kann. Dann bekommt man eine Mail à la “I am racing for X, if you’d like to support me, please click here”.
  • Supermarktketten geben hier in der Regel Kundenkarten aus, mit denen man Punkte sammeln kann. Dieses Sammeln kann man manchmal mit einem guten Zweck verbinden – so wurden wir gerade gebeten, unsere Karte mit dem Sammeln von Schulgeld für die Tochter einer Bekannten zu verbinden, die im Herbst in den (zweifellos kostenpflichtigen) katholischen Kindergarten kommt. Wie das genau funktioniert, weiß ich nicht – ich habe gar keine Kundenkarte, weil ich die Supermarktketten meide.

Dazu kommen noch Aufrufe zu Spenden für irgendwelche Zwecke z. B. via Facebook und die weniger wohltätigen, aber dafür umso zahlreicheren Einladungen zu Verkaufsparties à la Tupper (hier am aller-beliebtesten: Lia Sophia Schmuck), bei dem die Gastgeberin Rabatte in Abhängigkeit vom Kaufvolumen ihrer Gäste bekommt. Manchmal ist das dann eine Frau, die gerade arbeitslos ist oder anderweitig knapp bei Kasse, dann verschwimmen die Grenzen zwischen Einkauf und finanzieller Hilfe ein wenig.

Was ich von alledem halten soll, weiß ich nicht so richtig. Es ist mir nur aufgefallen, weil ich in Deutschland selten um so etwas gebeten wurde (was aber auch daran liegen kann, dass wir hier mehr Bekannte unterschiedlichsten Alters, mit Kindern usw. haben). Ich finde es positiv, wenn sich die Leute für eine Sache engagieren. Die meisten Zwecke, für die gesammelt wird, sind auch prinzipiell unterstützenswert. Bei manchen hat man als Käufer sogar einen direkten Nutzen (Kekse, Zeitschriften-Abo…). Aber ich finde auch, dass diese Aufrufe zu “socially awkward” Situationen führen können, besonders wenn man nichts geben/ kaufen möchte (was manchmal, aber nicht immer der Fall ist). Je nach finanzieller Dringlichkeit für den betreffenden Bekannten und dem Grad der Bekanntschaft kann da schnell ein schlechtes Gewissen aufkommen. Und was sich die andere Seite dabei denkt, kann ich nicht einschätzen: Ob es normal ist, viele Ablehnungen zu bekommen? Ob die meisten einfach irgendwas geben oder kaufen, auch wenn sie das Gekaufte gar nicht brauchen können oder ihr Spendengeld lieber für andere Zwecke einsetzen würden? Ich entscheide von Fall zu Fall, kaufe nur, was ich auch brauchen kann und entscheide fast immer lieber selber, für welchen wohltätigen Zweck ich gebe. Das ändert aber nichts daran, dass gerade Situationen, die soziales Feingefühl verlangen in einem anderen Land manchmal schwierig sind!

In Columbus tut sich im Moment einiges – und manches davon klingt richtig gut, auch wenn unklar ist, wie lange es dauert, bis alles umgesetzt ist.

1. Die bereits kurz erwähnte Bahnstrecke, die Columbus mit Cincinnati und Cleveland verbindet. Die ist nur ein Schritt auf dem Weg zu vernünftigem “public transport”, aber ein wichtiger. Columbus wird endlich wieder einen Bahnhof für Personenverkehr bekommen. Geschäftsleute werden hoffentlich merken, dass sich im Zug gut arbeiten lässt. Feiertags-Reisende werden hoffentlich merken, dass der Zug schneller ist als die zu Thanksgiving verstopfte I-71 Autobahn. Und hoffentlich werden mit der Zeit mehr Verbindungen hinzu kommen – Chicago wäre nicht nur auf meiner Liste ganz oben. Der Bahnhof wird wahrscheinlich relativ zentral liegen, und zwar im Sinne von Innenstadtnähe. Allein das wird interessant sein, bietet Columbus’ Innenstadt doch wenig – wir kennen Leute, die nie dorthin fahren. Vielleicht ändert sich das ja nach und nach.

2. Das Casino, das gegen den Wunsch der WählerInnen in Columbus, aber auf Wunsch der WählerInnen in Ohio insgesamt im Arena District gebaut werden sollte wird möglicherweise einen neuen Ort weiter außerhalb bekommen. Die Casino-Firma und die Stadt sind beide dafür – aber weil bei der Wahl der Ort aufs Arena District festgelegt war, muss es eine neue Wahl geben, die den neuen Ort zulässt. Meines Erachtens ist das Casino weiter außerhalb viel besser untergebracht, ich möchte es hier in der Nähe nicht sehen. Casinos sind hier nämlich weder schick noch äußerlich unauffällig – dieses Ding wäre eine Art Betonklotz über Blocks, mit weiteren Blocks zum Parken. Slot Machines wären wahrscheinlich die Hauptattraktion.

3. Die Wonder Bread Bäckerei direkt nebenan bei uns steht seit einigen Monaten leer. Nun soll dort Wonderland entstehen: Preiswerte Miet-Ateliers für Künstler, ein Proberaum für Bands, ein Veranstaltungssaal mit Bühne, Miet-Büros für Selbständige, ein Café, eine Bar, eine Galerie, vielleicht sogar ein paar Läden. Diesem Projekt wünsche ich nur das Beste – es wäre wunderbar, wenn das alles hier konzentriert wäre. Der Short North würde so einen Anziehungspunkt abseits von High Street bekommen, das Geländer würde sinnvoll genutzt, und mehr Kultur kann man hier auch dringend brauchen.

Städteplanerisch weniger interessant ist, dass sich in Easton (einer Shopping Mall in Columbus) einiges tut. Läden machen pleite, ziehen um und eröffnen neu. Und neu eröffnen soll endlich auch ein gescheites H&M! Bisher gibt es nur ein ganz kleines in der Tuttle Mall, das ausschließlich Frauenkleidung hat (keine Männer- oder Kindersachen). Zusätzlich zu dem hoffentlich größeren bzw. für H&M normalen Angebot bin ich in Easton lieber als in Tuttle, weil die Mall dort wenigstens frische Luft und Tageslicht bietet. Wir sind öfters dort in der Nähe, um bei Trader Joe’s einzukaufen, insofern passt das ganz gut!

  • ÖPNV: Columbus wird endlich wieder einen Bahnhof bekommen. Zunächst soll es Züge nach Cincinnati und Cleveland geben. Immerhin ein Anfang.
  • Bewerben auf amerikanisch: Thank you notes sind hier nicht nur im Sozialleben sehr beliebt, sondern werden auch Jobsuchenden nahe gelegt. Heißt: Wenn man irgendwo ein Bewerbungsgespräch hatte, sofort ein Dankesbriefchen nachschicken.
  • Meat CSA: Wenn man hier Wiener Schnitzel machen möchte, kann man am North Market nach Scallopini fragen – dann bekommt man hauchdünne Kalbsfleisch-Scheiben. Nun hat uns die Meat CSA diverse “Steaks” beschert, die meines Erachtens keine sind: Rib Steak (nicht zu verwechseln mit Rib Eye Steak) scheint Kotelett zu sein, Swiss Steak Rouladen (oder zumindest guter Rouladenersatz). Sehr oft kochen wir so was nicht, sonst hätten wir das vielleicht auch früher rausgefunden, aber vielleicht ist das für für den ein oder anderen Deutschen in den USA doch interessant.

Gerade verbringe ich einen guten Teil meiner Zeit damit, herauszufinden, wie man sich hier auf Stellen bewirbt. Auf bezahlte Stellen bewerben darf ich mich auf dem H4 Visum zwar nicht, aber erstens wird dieser Zustand nicht ewig anhalten und zweitens kann man sich immer auf sogenannte Volunteer-Stellen (ehrenamtliche Arbeit) bewerben. Institutionen von der Stadtbücherei bis zu den Metroparks sind auf die Arbeit von Volunteers zumindest teilweise angewiesen, aber ich hätte am liebsten eine Volunteer-Stelle in einer Branche, die zu meinen Qualifikationen passt. Um meine Chancen bei potentiall wichtigen Kontakten nicht zu verschlechtern möchte ich deshalb lieber gleich eine ordentliche Bewerbung abliefern.

Natürlich funktioniert auch das Bewerben auf Stellen hier anders als in Deutschland. Die Weisheiten, die ich bisher aus diversen Ratgebern zusammengetragen habe, lauten wie folgt:

  • Man schickt keine komplette Bewerbungsmappe, sondern nur Anschreiben (cover letter) und Lebenslauf (resume).
  • Um Altersdiskriminierung zu vermeiden, werden die Lebensläufe möglichst altersneutral gehalten. Das heißt: Kein Foto, kein Geburtsdatum – aber auch keine komplette schulische Laufbahn; anscheinend ist das Jahr des ersten relevanten Universitätsabschlusses die älteste Jahreszahl in vielen Lebensläufen. Ebenfalls zu vermeiden sind Angaben zum Familienstand.
  • Der Lebenslauf sollte in der Regel nur eine Seite lang sein. Wer eine lange Karriere hinter sich hat, kann eventuell eine Ausnahme machen. Wer sich im akademischen Bereich bewirbt, schickt einen CV statt einem resume – der CV scheint dem deutschen Lebenslauf ähnlicher zu sein (vollständiger, länger). Im öffentlichen Dienst scheinen manchmal mehr Angaben gefragt zu sein als auf eine Seite passen.
  • Oben auf den Lebenslauf schreibt man nicht “Resume”, sondern einfach seinen Namen. Üblich scheinen dann Absätze zu “Professional Experience” und “Education” zu sein. Unter jede Stelle schreibt man in 2-3 Stichpunkten möglichst konkret, was man dort Besonderes gleistet hat, z. B. “Steigerte die Verkaufszahlen um 10%”. Hier empfehlen die Bücher, möglichst aktive Verben zu benutzen (z. B. managed, lead, organized…).
  • Man kann weitere Absätze zu Mitgliedschaft in Fachgesellschaften, Fremdsprachenkenntnissen, Computerkenntnissen, Veröffentlichungen, Zusatzqualifikationen etc. machen – dann wird’s aber schnell schwierig mit der einen Seite.
  • Zwischen den Namen und den soeben genannten Absätzen gehört eine Art Summary. Früher war dort wohl häufig ein Career Objective (ein Satz dazu, was man gerne machen möchte), aber nun empfehlen meine Quellen eine griffige Werbebotschaft über die eigenen Qualifikationen. Hier sollte man außerdem möglichst viele Schlagworte (Keywords) einbauen, die in der Stellenanzeige vorkommen und nach denen die Personalleute möglicherweise per Software suchen. Das geht sogar so weit, dass empfohlen wird, Schlagworte einzubauen, die gar nicht auf einen zutreffen (in der Art “Ich habe zwar kein Bachelor’s Degree, aber X Jahre Erfahrung mit Y” oder “Ich bin interessiert, mehr über a, b und c zu lernen”).
  • Das Äquivalent zum deutschen Arbeitszeugnis sind hier die References. An das Ende des Lebenslaufes kann man schreiben “References available upon request”. So oder so kann es sein, dass der künftige Arbeitgeber die vorherigen Arbeitgeber anruft, um sich nach einem zu erkundigen. Man kann aber auch selber ca. drei References angeben, die nicht unbedingt Vorgesetzte sein müssen, sondern auch Personen sein können, die man irgendwie beruflich kennt und die sich für einen einsetzen würden.
  • Dass man für die Bewerbungsunterlagen gutes Papier nimmt ist ja klar, aber hier habe ich schon die Empfehlung gesehen, Cover Letter und Resume auf Baumwoll- oder Leinenpapier zu drucken, falls man sich nicht sowieso elektronisch bewirbt. Tatsächlich gibt es das einschlägige Papier auch als “Resume Paper” o.ä. zu kaufen. Fühlt sich seltsam an und sieht ungewohnt aus, aber meinetwegen.

Die Sache mit den References finde ich besonders problematisch, weil die Deutschen sich unter Umständen wundern, nicht immer gut Englisch sprechen, manche Informationen vielleicht nie gespeichert haben (man hat ja das Arbeitszeugnis) – und außerdem nicht wissen werden, dass Anti-Diskriminierungsgesetze in den USA angeblich dafür sorgen, dass man in der Regel nur sehr oberflächliche und positive Auskünfte über frühere Mitarbeiter gibt (in der Art: Hat hier von 19xx bis 20yy gearbeitet als [Position] in [Abteilung] und uns auf eigenen Wunsch verlassen).

Ob sich die Leute hier tatsächlich an diese Regeln halten und ob das Dinge sind, die den Personalverantwortlichen hier wirklich wichtig sind, ist natürlich nur schwer zu beurteilen. Wer sich in den USA bewerben möchte sollte sich deshalb keinesfalls auf diese Liste verlassen! Falls jemand zusätzliche Tipps hat oder glaubt, dass ich bei ein oder mehreren Punkten falsch liege, würde ich mich über einen Kommentar freuen.

Zu meinen Quellen: Bisher habe ich in die Bücher “So what are you going to do with that? Finding careers outside academia” von Susan Basalla und Maggie Debelius, “What does somebody have to do to get a job around here? 44 insider secrets that will get you hired” von Cynthia Shapiro, “No-nonsense resumes” von Wendy Enelow und Arnold Boldt und “Résumé Magic” von Susan Britto Whitcomb geschaut (sie aber natürlich nicht komplett gelesen).

Liegestühle im Schnee

Ich besichtige gerne Orte außerhalb der Saison. Nun hat eine Großstadt wie Boston vielleicht keine echte Saison, aber die Touristen kommen wohl doch eher im Sommer. Und der Teil der Stadt, der im Sommer sicherlich interessanter ist als im Winter ist der Hafen und die Waterfront. Man kann aber eine Audio Tour zum Harbor Walk auf seinen MP3-Player laden und so auch im Winter ein bisschen erfahren.

Boston Harbor Walk

Am Hafen gibt es Bootstouren zu den Walen vor der Küste (nur im Sommer), große und kleine Schiffe, Möwen, Hummer-Verkaufsbuden und dergleichen mehr. Von den Verkaufsbuden hatte im Januar nur eine auf, dafür lagen ein paar Lobster Traps herum.

Hummer-Fallen im Hafen von Boston

In den Restaurants der Stadt gibt es aber das ganze Jahr über Hummer (gekocht oder auf einem Lobster Roll genannten Sandwich), Clam Chowder (eine Art cremige Muschelsuppe) und Crabs.

Barking Crab Restaurant Schild

Es war kalt genug, als dass der Charles River beinahe zugefroren war – hier die Aussicht vom 34. Stock des Hotels:

Blick auf Boston vom Marriott Copley Place

Trotzdem nicht zu kalt zum herumlaufen – und häufig sonnig. Und schließlich hat Boston nicht nur Sehenswürdigkeiten zu bieten, sondern großstadttypische Dinge, die es in Columbus nicht gibt – wie auf Tee spezialisierte Cafés (z.B. Tealuxe) und scheinbar endlose Einkaufsmöglichkeiten inklusive Filialen europäischer Marken. Und das alles selbstverständlich in der Innenstadt bzw. mit einer preiswerten Wochenkarte für die U-Bahn (nur $15 für 7 Tage) leicht zu erreichen.

Viele Leute hier sagen, dass Boston die vielleicht europäischste amerikanische Stadt ist. Ich war da sehr skeptisch, weil die Vorstellungen von Europa ja manchmal doch etwas unrealistisch sind (socialist healthcare…), kann aber definitiv sehen, dass Boston europäische Züge hat. Vor allem die Architektur (z. B. die vielen gemauerten Reihenhäuser mit Souterrain), aber auch die Straßenführung (teilweise organisch gewachsen und nicht so gradwinklig wie in vielen Städten hier), aber auch die Läden (jede Menge italienische Feinkost, britische Ketten etc.) sind schon eher untypisch, gemessen an der amerikanischen Durchschnittsstadt.

Insgesamt ist Boston einen Besuch auf jeden Fall wert. Ich hätte problemlos noch mehr Zeit dort verbringen können – vielleicht ein andermal, vielleicht im Sommer.

Boston ist nicht nur für Touristen, sondern auch für Studierende extrem attraktiv. Unter den mehr als 100 Hochschulen in Boston und Umgebung befinden sich auch solche, die sowohl für Touristen als auch für Studierende interessant sind – zum Beispiel Harvard und das MIT. Im Moment sind dort allerdings wohl noch Winterferien, denn der Campus war auf beiden Unis sehr leer und auch die kostenlosen Führungen wurden seltener angeboten als sonst.

In Harvard haben schon viele Besucher ihr Glück durch das Blankreiben des linken Schuhs an der Statue des Namensspenders gesucht:

Harvard Statue

Die älteste Hochschule der USA hat ein standesgemäßes Gelände, jedenfalls teilweise. Rote Backsteinbauten und alte Kirchen…

Harvard

… stehen direkt neben Betonbauten, die so auch an jeder deutschen Universität in den 70ern hätten gebaut sein können.

Harvard Campus

Harvard liegt genau geommen nicht in Boston, sondern auf der anderen Seite des Charles River in Cambridge. In der Nähe des Campus gibt es die üblichen Buchhandlungen, Fast Food Buden und Klamottenläden. Außer einer Fremdsprachenbuchhandlung habe ich nichts besonders Spannendes entdecken können.

MIT

Der Campus des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sieht auf den ersten Blick weniger ansprechend und mehr nach Massenuniversität aus, ist aber bei genauerer Betrachtung nicht weniger interessant als Harvard. Wer wie ich die kostenlose Tour verpasst hat, kann mit Hilfe einer im Hauptgebäude ausliegenden Broschüre auf eigene Faust den Campus erkunden. In puncto Architektur und Kunst gibt es viel zu sehen, wie z. B. das Hörsaalgebäude von Saarinen…

MIT Audimax

… oder das Stata Center von Frank Gehry.

Stata Center am MIT

Die Broschüre führt einen aber auch in die Gebäude, vorbei an Forschungslaboren, Computerräumen und Plakaten mit Informationen über die Nobelpreisträger der Instituts. Im Gegensatz zu Harvard kann man sogar in manche Bibliotheken und in kleine Galerien, wo man vom High-Tech-Meeresboden-Erkundungs-Roboter bis zum altertümlichen Stroboskop alles Mögliche sehen und manchmal sogar ausprobieren kann.

Kunst auf dem MIT Campus

Fortsetzung folgt.

Keine drei Wochen aus Deutschland zurück sind wir schon wieder zur nächsten Reise aufgebrochen, einer Dienstreise übers Wochenende nach Boston – Dienstreise für Michael, Urlaub für mich. Boston ist eine sehr geschichtslastige Stadt: Die ersten Puritaner, die Boston Tea Party, der Unabhängigkeitskrieg – alles große Ereignisse in der Geschichte der USA, die irgendwie mit Boston zu tun haben. Die meisten historischen Stätten in Boston sind im Freedom Trail zusammengefasst. An diesem ca. vier Kilometer langen Weg führt ein roter Faden den Besucher durch die halbe Stadt, vom State House

Massachusetts State House

bis zum Bunker Hill Monument.

Bunker Hill Monument

Dank des roten Fadens ist es ganz leicht, dem Trail zu folgen.

Freedom Trail Marker

Viele Attraktionen entlang des Trails sind kostenlos zu besuchen. Das State House bietet kostenlose Führungen an, einige Kirchen und Friedhöfe stehen Besuchern offen, das Bunker Hill Monument wird vom National Park Service betreut und ist ebenfalls kostenlos. Im Januar war der Trail keineswegs überlaufen.

Von Friedhöfen im Schnee…

Boston Massacre Grabstein

… über alte Backsteinbauten…

Faneuil Hall

… bis hin zu den ersten Kirchen im Lande ist alles dabei.

Old North Church, Boston

Wer bereit ist, die 294 Stufen im Bunker Hill Monument hochzuklettern, dem bietet sich außerdem eine schöne Aussicht auf Boston und Umgebung.

Aussicht auf Boston von Bunker Hill Monument

Ebenfalls am Freedom Trail liegt die U.S.S. Constitution, ein Kriegs-Segelschiff, das immer noch von der Marine unterhalten und sogar ab und zu ausgefahren wird. Auch hier gibt es kostenlose Touren, die einen zum Beispiel zu den Kanonen unter dem Deck führen.

U.S.S. Constitution Kanonendeck

Nach vier Kilometern Trail, 2-3 Führungen in Gebäuden und 294 Stufen rauf und runter hat man einiges über die amerikanische Geschichte gelernt – und man weiß, was man den ganzen Tag über gemacht hat! Zeit, sich im Café oder im nächsten Seafood-Restaurant auszuruhen!

Windrose in Boston

Fortsetzung folgt.

Bei unserem letzten Besuch in der Northside-Niederlassung der Stadtbücherei war der Parkplatz komplett gefüllt. Die meisten Leute schienen eine Informationsveranstaltung darüber zu besuchen, wie man einen “Census Job” bekommt. Dieser Census wurde auch in der State Library beworben und in einem Newsletter der Italian Village Society. Und das liegt daran, dass es sich um eine große Aktion handelt: Die US-Verfassung sieht vor, dass die Einwohner der USA alle 10 Jahre gezählt werden. Jedem Haushalt wird per Post ein Formular mit 10 Fragen zugestellt, die man beantworten soll: Wie viele dort wohnen, wer (Name, Geschlecht, Geburtsdatum), ethnischer Hintergrund, Telefonnummer und ob einem das Haus gehört.

Da es hier kein Meldegesetz gibt, gehe ich davon aus, dass so ein Census die Hauptdatenquelle für Bevölkerungsstatistiken ist. Der Bevölkerung wird die Kooperation aber vor allem mit anderen Argumenten schmackhaft gemacht: Finanzmittel der US-Regierung (federal funding) werden offensichtlich auf Grundlage der Census-Daten an die States und die Communities verteilt. Außerdem beeinflussen die Ergebnisse die Einteilung der Wahlbezirke für die Wahlen zum Repräsentantenhaus. Scheint also eine ziemlich wichtige Sache zu sein.

Dabei ist man offensichtlich nicht nur an den Bürgern der USA interessiert, denn es heißt auf der offiziellen Census-Website: “The 2010 Census aims to count all U.S. residents—citizens and non-citizens alike.” Ob wir im Sinne des Census residents sind, war mir zunächst nicht klar. Die Immigration-Behörde interessiert sich bei der Einreise stets dafür, ob man permanent resident ist – das sind wir nicht. Das Finanzamt zählt uns andererseits als “residents for tax purposes”. Aber das Census Bureau unterhält eine Datenbank mit Fragen und Antworten und siehe da: “The Census Bureau is mandated by the Constitution to count everyone who lives in this country, regardless of immigration or citizenship status“. Na dann – werden wir uns zählen lassen.

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