November 2007


Inzwischen kennen wir genügend Leute für eine Einweihungsparty (House warming party). Die wird am Freitag stattfinden und ich wünschte, ihr könntet alle dabei sein! Die Gäste werden eine Mischung aus Michaels Kollegen und jüngeren Leuten, die wir selber kennen gelernt haben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass auch die Einweihungspartys hier anders sind. Jemand hat uns erzählt, dass es immer eine Tour durchs Haus gibt bei solcher Gelegenheit. Nicht, dass wir viel mit dem Haus gemacht hätten, nur unseren Kram reingestellt. Die meisten dekorieren halt aufwändig - neu streichen, evtl. neue Böden, alles passend usw. Wir nicht. Wir hingegen haben noch nicht mal Bilder an den Wänden (mit wenigen Ausnahmen) und die Aussicht, dass ein Haufen Amerikaner kommt und unsere Wohnung auf Deko-Perfektion beurteilt, stimmt mich manchmal bedenklich. Die meisten waren zum Glück schon mal hier und eigentlich ist es mir auch egal, was sie denken (und die, die ich selber kennen gelernt habe, sind zum Großteil auch ziemlich unkompliziert). Andererseits möchte man natürlich nicht gleich in irgendwelche Riesen-Fettnäpfchen treten, von denen man vielleicht noch nicht mal weiß, dass es sie gibt. Wir haben Bier gekauft zum aus-der-Flasche-trinken und werden Glühwein machen (das gibt’s hier nämlich nicht) und sonst nur ein paar Snacks - Chips & Dips (sehr beliebt hier), Brownies mit Erdnuss und Schoko, Käse und Cracker und noch zwei herzhaftere gebackene Sachen. Und das muss dann reichen. Ich bin jedenfalls gespannt, wie es läuft. Ist halt doch anstrengender, als wenn man Freunde einlädt, die man schon länger kennt!

Jede/r, den wir hier kennen gelernt haben, hat mindestens ein Haustier, meistens mehrere. Immer Hunde und/ oder Katzen, z.B. vier Katzen, drei Katzen und ein Hund, ein einzelner Hund usw. Falls ihr also glaubt, die Deutschen lieben ihre Haustiere - nun, hier liebt man sie mindestens ebenso sehr. Wir kennen genau ein Paar (mit Ausnahme von uns selber) das kein Haustier hat. Und das war in Deutschland dann doch ein bisschen anders. Bei der Gelegenheit habe ich auch entdeckt, dass ich wohl doch ein bisschen allergisch auf Katzenhaare bin. Zumindest, wenn drei bis vier langhaarige Katzen das Haus bevölkern, in dem wir zu Gast sind, schniefe ich den ganzen Abend. Und mit Hunden kann ich mich ja sowieso weniger anfreunden, wenn auch viele Hunde hier sehr gut erzogen sind. Irgendwie verstehe ich noch nicht so ganz, was es mit dieser Haustier-Manie auf sich hat. Wenn mir jemand die Liebe der Columbuser zu Hunden und Katzen erklären kann, nur zu!

Während wir noch auf den Beginn des Advents warten, ist vielerorts die Weihnachtsbeleuchtung bereits voll aufgebaut. Am letzten Samstag gab es in Gahanna, einem kleinen Ort in/ bei Columbus schon das Holiday Lights Festival, dessen Höhepunkt ein Umzug mit Lichterwagen war. Viele Gruppen im Ort hatten ihren eigenen Wagen, z. B. der Kindergarten, die Feuerwehr, die Bücherei usw. Die Wagen wurden von Pickups gezogen und waren mit etlichen Lichtern behängt.

Holiday Lights Wagen I

Holiday Lights Wagen II

Holiday Lights Wagen III

Zusätzlich war ein kleiner Park mit zahlreichen Lichtbildern wie diesem hier geschmückt worden:

Pickup mit Weihnachtslichtern

Viele Leute haben auch bereits ihre Häuser dekoriert, teilweise sehr aufwändig. Hier hat jemand eine haushohe aufblasbare Krippe in seinem Garten stehen… Geschmackssache, schätze ich:

Aufblasbare Krippe

Wir müssen unbedingt an ein paar Abenden durch die Vororte fahren und uns die Beleuchtung ansehen, das könnte interessant werden!

Dieses Schild warnt einen nicht etwa davor, dass einem auf dieser Straße bald eine Wippe aufs Autodach fallen könnte ;-), nein, es handelt sich um das Schild für “Achtung, spielende Kinder!”:

Achtung wippende Kinder

Anlässlich Black Friday haben wir tatsächlich noch die Mall besucht. Das war ungefähr so, wie die Adventssamstage auf der Hohe Straße in Köln (man erinnere sich: dort war schon mal wegen Überfüllung geschlossen). Die Läden sahen bereits sehr zerwühlt aus, die Schlangen vor den Umkleiden waren lang, und wir haben es aufgegeben, nach Klamotten Ausschau zu halten. Das einzige, das wir gekauft haben, sind ein paar Zeitschriften und etwas Haushaltskram bei Target, einer Art Kaufhaus.

Daneben haben wir aber Spaß gehabt. Schon vor einiger Zeit ist uns aufgefallen, dass bei Target fast alles, von der Halskette über die Handtasche bis zur Weihnachtsbaumbeleuchtung oder der Postkarte “Made in China” ist und dass man dieses Label auch sonst häufig sieht. So haben wir in Santa’s Treasure Chest (einem superkitischen Weihnachtsladen) geschaut, wer als erster einen Artikel finden kann, der nicht Made in China ist. Das war ganz schön schwer: Nussknacker wie in Deutschland, Beleuchtung in allen Farben und Formen, Kugeln, grüne Glitzer-Gurken für den Weihnachtsbaum mit Zertifikat “handmade”, geschnitzte Krippenfiguren, Santa’s Schlitten aus Federn, Geschenkpapier, Metallkreuze mit ausgeschnittenen Weihnachtsfiguren, kleine Kätzchen aus Fell, Baumschmuck mit amerikanischen Motiven: Alles, wirklich alles Made in China. Nach langem Suchen habe ich schließlich ein relativ hässliches Spitzenschleifchen gesehen, das Made in USA war - vermutlich der einzige Artikel in dem kleinen Laden. Ich weiß nicht, ob mir das in Deutschland nie aufgefallen ist oder ob es hier wirklich so viel extremer ist, aber jeder Laden ist in dem Sinne ein chinesischer Markt. Und wenn man sich den ganzen Ramsch mal ansieht, fragt man sich schon, ob die Leute in China den Westen nicht wenigstens heimlich hassen müssen (auch wenn sich viel Geld damit verdienen lässt) für all den Billig-Schrott, der hier nachgefragt wird.

Der Freitag nach Thanksgiving heißt Black Friday. Er gibt den Startschuss ins Weihnachtsgeschäft. Die Läden machen teilweise schon um 4 Uhr morgens, allerspätestens jedoch um 7 auf. Damit so früh am Tag schon Kunden kommen, gibt es viele Lockvogelangebote in der Art “20 Computer für $200″ “die ersten 100 Kunden bekommen einen $10 Gutschein” und so weiter. Das Shopping-Fieber umfasst alle Läden, ob Baumarkt, Elektromarkt, Klamottengeschäft oder Haushaltswarenladen. Wie es so früh wirklich ist, kann ich nicht beurteilen, denn wir waren dann doch zu faul, nach dem langen Thanksgiving-Dinner um 3 Uhr aufzustehen und uns mit den anderen um Elektroartikel Made in China zu prügeln. Im Laufe des Tages werden wir aber bestimmt noch ein paar Läden aufsuchen, um mal zu schauen, wie der Black Friday so ist.

Thanksgiving erfüllt damit immerhin eine Pufferfunktion im Weihnachtsgeschäft. Bis heute blieb man weitgehend von Weihnachtsdeko, -Liedern usw. verschont. Dafür werden viele Amerikaner an diesem Wochenende bereits ihren Weihnachtsbaum aufstellen und dekorieren. Weihnachten ist hier sehr groß, aber Advent ist weniger beliebt, statt einem Kranz hat man dann direkt den voll geschmückten Baum.

Thanksgiving ist einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Feiertag hier. Alle fahren kreuz und quer durchs Land, um mit ihrem Familien riesige Truthähne und etliche andere Gerichte zu essen. Auch wir waren zu einem Thanksgiving eingeladen, was durchaus nicht selbstverständlich ist, weil es eben doch ein klassisches Familienfest ist. Einer von Michaels Kollegen hat mit seiner Frau zusammen aber die Tradition, dass sie immer Leute zu ihrem Thanksgiving einladen, die weit weg von ihren eigenen Familien sind. Es gab tonnenweise Essen: Cracker, Käse und Obst vor dem Essen, den obligatorischen Riesen-Truthahn mit Sauce, zwei Sorten Cranberries, Füllung, Süßkartoffeln, Erbsen, Roten Beeten, Kürbis, Wildreis, Kartoffelpüree, zum Nachtisch mehr Obst, Kürbis-Pie, Pekanuss-Pie, Apfel-Pie, Kirsch-Pie, Zitronen-Pie. Ein Festessen wie im Bilderbuch, mit 18 Leuten (darunter auch das irische Paar, die schon seit sechs Jahren hier sind und wo die Frau sich sehr nett um mich gekümmert hat - Stadt gezeigt, Leute vorgestellt, lange Liste mit Läden gemacht usw.) und reichlich Wein. Es war wirklich sehr schön. Viele scheinen Thanksgiving zu mögen, weil an diesem Feiertag die Familie ganz im Mittelpunkt steht, ohne religiösen Beiklang oder die Verpflichtung, Geschenke zu kaufen. In diesem Sinne: Happy Thanksgiving!

Grundsätzlich ist es schwierig bis unmöglich, hier in Columbus deutsche Bücher, Zeitungen, Zeitschriften oder Musik zu kaufen. Es gibt jedoch allerlei Wege, doch an das ein oder andere Produkt zu kommen, und heute habe ich einen neuen für Musik ausprobiert. Natürlich kann man sich CDs von deutschen Online-Shops in die USA liefern lassen, aber das kann ziemlich kostspielig sein. Bei amerikanischen Anbietern sucht man deutschsprachige Musik dagegen häufig vergeblich, besonders, wenn es sich um etwas exotischere Künstler handelt. Amazon hat in den USA aber jetzt einen Shop, in dem Man Musik als MP3 kaufen kann, und zwar ohne DRM, d. h. man kann sie von seinem Computer auf den MP3-Player laden, in verschiedenen Playern abspielen usw. Zudem sind die Preise mit ca. $8 pro Album sehr vernünftig. Die Auswahl ist ziemlich groß und umfasst auch ein paar deutsche Sachen. Heute habe ich diesen Shop mit dem neuen Jens-Friebe-Album getestet und ich bin zufrieden. Mit unserer Internetverbindung ging das Runterladen blitzschnell (wenn auch leider nur mit einem kleinen Programm von Amazon). Insgesamt scheint mir das eine unkomplizierte, preiswerte Möglichkeit zu sein, von hier aus an aktuelle deutsche Musik zu kommen, wenn auch nicht jedes Album dort erhältlich ist.

Dass es schön sein würde, einen Flug nach Hause zu buchen, meinten schon viele. Aber WIE schön das ist, können wir jetzt live erleben! Soeben ist die erste Heimreise gebucht. Die Daten werde ich hier nicht herumposaunen, die kann ich euch am Telefon oder per Mail immer noch durchgeben. Sagen wir mal, dass es Anfang nächsten Jahres ist, mehrere Geburtstage von Familie und Freunden einschließt und nicht die schlechteste Jahreszeit, um Kölle einen Besuch abzustatten…

Nicht viele Künstler/innen schauen auf ihrer Tour in Columbus, Ohio, vorbei. Jedenfalls nicht viele, die wir bereits aus Europa kennen könnten. Gestern war das anders, da haben wir das Konzert der Kanadierin Leslie Feist im Wexner Center besucht. Es war ordentlich voll und hat mir auch super gefallen, aber jenseits des Musikalischen war auch das Konzert wieder eine Gelegenheit, zu sehen, dass hier alles etwas anders ist: Eintritt tendenziell etwas günstiger als in Deutschland, Konzert in Saal mit Stühlen! Zum Sitzen! Was auch alle brav getan haben, selbst bei den rockigeren Liedern. Und: Keine Getränke im Saal, kein Alkohol (Bier) auf der ganzen Veranstaltung. Die Veranstaltung erinnerte eher an ein klassisches Konzert als an ein Popkonzert. Zu der Musik von Feist passt das auch noch einigermaßen, aber es stimmt mich nachdenklich, dass in eben diesem Saal auch verschiedene Rockkonzerte von Bands stattgefunden haben, bei denen ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass man da auf seinem Stuhl sitzen bleiben soll. Bei nächster Gelegenheit werden wir mal testen, wie so ein Konzert dann ist - falls mal wieder jemand vorbei kommt, dessen Musik wir schon kennen und mögen.

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