Mai 2008


Es scheint, als wäre seit gestern oder vorgestern der Sommer eingebrochen. Es ist 28°C, relativ drückend, in der Nacht kam das erste Gewitter – zum Glück nur ganz kurz. Heute gab es die ersten Erdbeeren auf dem Markt. Die langen Hosen, Socken und Jacken kann man jetzt wahrscheinlich bis zum Oktober einmotten. Ich muss mich wieder dran gewöhnen, eine Jacke im Auto zu haben für die über-klimatisierten Gebäude. Es ist auch höchste Zeit, den Außenteil unserer Klimaanlage zu reinigen, damit man sie anwerfen kann, wenn es noch heißer und schwüler wird. Aber ich freue mich auf den Sommer. Letztes Jahr waren wir noch zu beschäftigt, herauszufinden, was es wo gibt und alles in Ordnung zu bringen. Dieses Jahr können wir grillen und die Badeseen ausprobieren!

Heute hat Michael seinen – mehrfach verschobenen – Termin für das „annual Review“ gehabt. Das ist ein Beurteilungsgespräch, das einmal im Jahr stattfindet und wo seine beiden Chefs ihm sagen, wie es so läuft. Davon hängt jede Menge ab: Ob man überhaupt im Unternehmen bleiben darf, ob man mehr Gehalt und andere Ressourcen bekommt usw. Für uns hängt daran wiederum noch viel mehr ab. Es ist eben doch etwas anderes, ob man lebt, wo man nun mal lebt, jeder mit seinen eigenen beruflichen Möglichkeiten – oder ob man voll und ganz an einem Gehalt hängt und für diese Möglichkeit noch dazu um die halbe Welt gereist ist.

Entsprechend haben wir dem Gespräch voller Spannung entgegen gesehen. Das Gefühl war zwar gut und der Verstand sagt einem, dass sie einen schon gewarnt hätten, wenn etwas schief laufen würde. Aber dann kommen die kleinen Zweifel, ob man einen Unterton in irgendwelchen Bemerkungen nicht mitbekommen hat, ob die enthusiastische Art der Amerikaner vielleicht Kritik enthielt, die man aufgrund kultureller Unterschiede übersehen hat. Nun, die Zweifel sind alle beseitigt, Michael hat die bestmögliche Beurteilung bekommen, die es in der Firma gibt, und wir können die Sektkorken knallen lassen!

Diese Woche kam ein Brief von der Krankenversicherung: Der Hausarzt, zu dem ich bisher gegangen war, wird von unserer Versicherung nicht mehr gedeckt. Dass man krankenversichert ist, heißt hier nämlich nicht, dass man einfach zu irgendeinem Arzt gehen kann. Nein, jede Versicherung hat ein eigenes Netzwerk von Ärzten, Krankenhäusern usw. und nur aus diesem darf man wählen. Wir konnten uns dabei zumindest bisher glücklich schätzen, denn das Netzwerk unserer Versicherung war in Columbus sehr groß. Laut einem Schreiben von Michaels Arbeitgeber droht die Versicherung jedoch (durch Briefe wie den an mich) das Netzwerk substantiell zu verringern. Verhandlungen sind im Gange, und der Arbeitgeber ist optimistisch, dass es nicht so weit kommen wird. Sollte das Netzwerk doch schrumpfen, wird der Arbeitgeber eine neue Versicherung suchen – dann müssen wir wechseln. Das alles bereitet mir Unbehagen und zeigt, wie riesig die Unterschiede im System sind.

Dabei können wir froh sein, dass wir (a) überhaupt eine Krankenversicherung haben, insbesondere dass ich auch versichert bin und (b) dass die Zuzahlungen relativ gering sind und das Netzwerk relativ groß. Es sieht hier nämlich so aus, dass man über die Arbeit krankenversichert ist – sofern der Arbeitgeber diesen „Benefit“ anbietet. Falls er das tut, handelt die Firma mit einer Krankenversicherung bestimmte Konditionen für all ihre Mitarbeiter aus, die von Firma zu Firma sehr unterschiedlich ausfallen können. In unserem Fall bietet der Arbeitgeber die Wahl zwischen zwei Plänen. Der Plan, in dem wir sind, ist ein Netzwerk-Plan, bei dem man das Netzwerk nicht verlassen kann. Der Vorteil sind Zuzahlungen in fester Höhe pro Arztbesuch, Medikament, Krankenhausaufenthalt usw. sowie ein Deckel auf die Zuzahlungen, die man pro Jahr maximal leisten muss. Die Alternative wäre ein Plan, mit dem man (fast) überall hingehen kann. Man muss dann jedoch prozentual zuzahlen (also z. B. X% der Krankenhauskosten statt $Y). Außerdem zahlt die Versicherung erst, wenn man einen gewissen Betrag ausgegeben hat. Diese Alternative scheint uns zu unberechenbar und der sichere Weg in den finanziellen Ruin, falls wirklich mal etwas Schlimmes sein sollte. Wir werden also bei unserem Plan bleiben – falls der Arbeitgeber ihn weiterhin anbietet. Falls nicht, können wir nur hoffen, dass ein neuer, ebenso guter Plan kommen wird…

Chicago hat neben den spannenden Hochhäusern ein erstklassiges Kunstmuseum, das Art Institute of Chicago, in dem leider gerade umgebaut wurde, so dass die moderne Sammlung etwas kleiner war als sonst. Trotzdem war das Art Institute sehr lohnenswert! Wir hätten uns auch noch für das Museum of Contemporary Photography und das Museum of Contemporary Art interessiert, aber dafür war die Zeit einfach zu knapp. Es gibt auch ein Naturkunde-Museum, ein Aquarium und ein High-Tech Planetarium, die wohl alle bei Familien sehr beliebt sind.

Neben dem Art Institute befindet sich Millenium Park, ein Projekt der Stadt zur Jahrtausendwende, das finanziell wohl leicht ausgeufert ist. In dem Park befinden sich mehrere Kunstwerke und ein ausgewachsener Open-Air-Konzertsaal, in dem es immer wieder mal kostenlose Konzerte gibt. Eines davon haben wir auch hören können; es spielten verschiedene Ensembles der School of Music der Northwestern University.

Hier das Konzertgelände:

Jay Pritzker Pavilion

Und hier die Bühne etwas näher:

Bühne Jay Pritzker Pavilion

In Millenium Park gibt es mehrere Kunstwerke, z. B. eine Tafel mit Fotos von Gesichtern von Chicago-Bewohnern, aus deren Mund hin und wieder ein Wasserstrahl rauskommt:

Brunnen in Millenium Park

Sehr beliebt ist, wie man sieht, auch die „Bean“, die offiziell Cloud Gate heißt:

Millenium Park Bean

Vom Park aus gibt es natürlich wieder interessante Blicke auf die Skyscraper:

Lurie Garden

Lurie Garden II

Fazit: Chicago ist eine Reise wert, von Columbus aus allemal, und wir werden bestimmt noch mal hinfahren!

Chicago hat so tolle Gebäude, dass es fast unmöglich ist, sich daran satt zu sehen. Beinahe jedes Haus ist irgendwie interessant. Die Chicago Architecture Foundation bietet verschiedene Führungen an, deren beliebteste die Architecture River Cruise ist, die ich trotz des stolzen Preises von $30 pro Person uneingeschränkt empfehlen kann. Vom Fluss aus wirken die Hochhäuser noch mal ganz anders, und die begeisterete Tour-Führerin hat uns viel über die Architektur in Chicago beigebracht. Hier fährt die Hochbahn bei Downtown über den Fluss:

El vor Downtown Chicago

Hier ein Blick auf Downtown:

Downtown Chicago

Hier sieht man etwas besser, wie hoch der Sears Tower ist:

Sears Tower

Eine andere Ecke von Downtown:

Downtown Chicago

Habe ich schon erwähnt, dass Chicago auch ganz tolle Strände am Lake Michigan hat? Von dort ist die Aussicht auch sehr schön, diesmal nicht auf den Sears-Tower, sondern auf den John Hancock Tower:

Chicago von Lincoln Park Strand

Wenn man sich umdreht, sieht es dann so aus:

Chicago Strand#

Vor unserer Reise kannten wir von Chicago nur den Flughafen O’Hare, ein beliebter Ort zum Umsteigen auf dem Weg von Europa in den Westen der USA, notorisch für chronische Überfüllung. Außerdem wussten wir, dass es dort im Winter sehr, sehr kalt werden kann, denn bei besagtem Umsteigen waren es -18°C, eine Temperatur, die ich bis dahin noch nicht erlebt hatte. Auf die Idee, ein Stop-Over in Chicago einzulegen, wäre ich niemals gekommen. Halt eine beliebige Großstadt, dachte ich.

Dass Chicago eine richtige Großstadt ist, ist allerdings viel interessanter, wenn man aus Columbus dorthin fährt. Es gibt alles, was man von einer Stadt erwarten würde: Man muss nicht mit dem Auto fahren, denn es gibt ja die U-Bahn oder auch Busse, deren Haltestellen vernünftig beschildert sind. In der Innenstadt gibt es zahlreiche Geschäfte, man muss nicht in die Mall. Es gibt mehrere Viertel mit interessanten Kneipen und Boutiquen und mehr kulturelle Veranstaltungen als man je wahrnehmen könnte. Das alles ist schon mal ziemlich attraktiv. Bonuspunkte von mir gibt es für Chicago auch für einige deutsche Dinge, z. B. Goose Island Kölsch vom Fass an jeder Ecke, deutsche Zeitschriften bei Borders (hab ich sonst noch nirgends gesehen, nicht mal in Washington, DC) und eine Filiale von TeeGschwendner – ich dachte, ich sehe nicht richtig!

Aber auch wenn man all diese Vorzüge jeden Tag vor der Nase hat, hat Chicago einiges zu bieten: Die umwerfende Skyline, die vielen interessanten Gebäude, etliche Kunstwerke, Strände am Lake Michigan, erstklassige Museen, viele Grünflächen – ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll! Vielleicht mit einem Foto von Downtown bei Nacht, aufgenommen vom 96. Stock des John Hancock Tower, wo sich eine Bar befindet:

Chicago Downtown bei Nacht

Das ganz hohe Hochhaus mit dem roten und blauen Licht oben drauf ist der Sears Tower, mit über 440m lange Zeit eines der höchsten Gebäude der Welt. Fortsetzung folgt!

Wir haben den gestrigen Feiertag (Memorial Day) direkt genutzt, um über das lange Wochenende wegzufahren, und zwar nach Chicago, der Metropole des Mittleren Westen. Auch wenn Chicago auf der Karte gar nicht so weit weg aussieht sind es doch über 570km dorthin, so dass man knappe sechs Stunden Fahrt einrechnen sollte. Das ist ziemlich lang, wenn man nur drei Nächte bleiben kann. Trotzdem haben wir uns fürs Fahren entschieden und es nicht bereut, denn Chicago war großartig! Die Fahrt selbst ist etwas weniger großartig. Man fährt sehr, sehr lange durch Indiana, und wer denkt, dass Ohio langweilig ist, der war noch nicht in Indiana. In Ohio gibt es immer mal wieder einen Ort, einen Bauernhof oder eine große Kreuzung. In Indiana gibt es auf über vier Stunden Fahrt ein paar Antique Malls und Feuerwerksläden. Die Hauptstadt Indianapolis teilt die Strecke nach Chicago etwa auf der Hälfte und die Umgehungsstraße dort ist dann auch das Highlight der Fahrt. Ansonsten sieht es gerne so aus:

Indiana I

Oder auch so:

Indiana II

Nach vorne ist die Aussicht etwas abwechslungsreicher:

Indiana III

Wenn man dann nach Chicago hereinfährt, ist das wirklich die glitzernde Oase am Ende der Strecke. Dafür ist die Autofahrt erheblich günstiger als das Fliegen, insbesondere wenn man wie wir Glück hat und dank Parking Any Time einen kostenlosen Parkplatz am Straßenrand in der Nähe des Hotels ergattern konnte. Ansonsten können die Parkkosten nämlich leicht an die $30 pro Nacht betragen (in unserem Hotel wären es sogar mehr gewesen).

Und weil Chicago so großartig war, die leuchtenden Berichte unserer Bekannten alle stimmen und ich noch meine >100 Fotos aussortieren muss gibt es zu Chicago selbst erst demnächst einen ausführlicheren Bericht!

Ich habe den Eindruck, dass es hier viel mehr Tiere in der Stadt gibt – oder vielleicht sind sie nur stärker sichtbar. Die Eichhörnchen sind überall, ebenso zahlreiche Vogelarten, und diese Woche ist mir nachts ein Waschbär fast vors Auto gelaufen, direkt vor unserer Haustür. Die Kehrseite dessen ist, dass es auch viele und größere Insekten gibt, und dass an den Autobahnen in regelmäßigen Abständen „Roadkill“ liegt – plattgefahrene Tiere.

Erfreulicher ist, dass Columbus im Moment Wanderfalken hat, die im 41. Stock eines Hochhauses Downtown nisten. Das Ohio Department of Natural Resources hat eine Webcam eingerichtet, mit der man das Falkenpaar und die vier noch sehr jungen Küken beobachten kann. Schaut doch mal rein!

Inzwischen waren wir auf zahlreichen Parties eingeladen. Auch hier gibt es auf einer Party nicht nur genügend Getränke, sondern meist auch ein paar Snacks. Die bestehen allerdings fast immer aus den genau gleichen Zutaten. An erster Stelle stehen Tortilla-Chips mit diversen Dips, z. B. Spinat, Artischocke, Käse, Hummus oder Salsa. Die Dips kann man hier an jeder Ecke fertig kaufen, aber manchmal gibt es auch selbstgemachte, dann allerdings meist warm und aus dem Crockpot. Zu den Dips gibt es außer den Chips fast immer auch noch Gemüsesticks, die in den allermeisten Fällen ebenfalls fertig gekauft werden und aus leicht angetrockneten Broccoli-Röschen, Sellerie-Stangen und sogenannten Baby-Möhren bestehen (wobei die Baby-Möhren in Wirklichkeit maschinell kleiner gehobelte Stücke von normalen Möhren sind). Oft war’s das dann auch schon mit den Snacks. Wenn die Party etwas vornehmer ist, gibt es noch Shrimps mit Dip, meist in Form eines fertig gekauften Shrimp-Rings mit ominösem rotem Dip in der Mitte. Wenn das Essen etwas stärker im Mittelpunkt steht, kann es noch Dinge wie Hot Dogs, Sandwiches oder Salate geben, aber das ist zumindest in unserem Bekanntenkreis eher selten. Manchmal kommen auch verschiedene Mikrowellen-Vorspeisen zum Zuge, die es hier in großer Auswahl tiefgefroren zu kaufen gibt. Meist bestehen die aus irgendeinem Teig mit Füllung, z. B. Mini-Quiches, Frühlingsrollen, Tex-Mex-Taschen usw. Meine anfängliche Begeisterung über diese Art von Verpflegung hat inzwischen drastisch abgenommen. Zumindest ist es ratsam, bei einer Nicht-Dinner-Einladung vorher was Ordentliches zu essen, denn sonst kann es passieren, dass man sich das ganze Wochenende über von Nachos ernährt!

Dass wir jetzt schon lange hier sind merke ich auch daran, dass es nicht mehr so viele große berichtenswerte Sachen gibt:

  • Meine Kräutertöpfe wachsen und gedeihen, die Samen sind fast alle gekeimt. In einigen Töpfen draußen haben allerdings schon die Eichhörnchen gegraben.
  • Es ist immer noch mehr Frühling als Sommer hier, und das ist schön. Heiß und schwül wird es noch früh genug. Die Leute in Columbus sagen, so einen langen Frühling hatten sie noch nie.
  • Der Farmer’s Market ist seit ein paar Wochen wieder da. Es gibt zwar noch nicht viel, im Moment hauptsächlich grünen Spargel, Spinat, Salat und Kräuter, aber bald wird das mehr werden. Und es ist schön, den Supermarkt noch mehr vermeiden zu können.
  • Dass es auf den Sommer zugeht merkt man auch daran, dass es an den Wochenenden gleich mehrere Dinge gibt, die man in Columbus tun könnte. Letztes Wochenende war z. B. nicht nur der German Village Yard Sale, sondern auch das „Race for the Cure“, eine Art Laufveranstaltung deren Erlös zur Bekämpfung von Brustkrebs verwendet werden soll. Die Metroparks haben nun jedes Wochenende attraktive Programme, bald beginnt auch wieder „Shakespeare in the Park“ und die Saison der Festivals verschiedener Nationalitäten.
  • In Vorbereitung auf den 4th of July kann man im Moment alle erdenklichen Artikel mit Stars & Stripes kaufen, von Keksen über Strampler bis hin zu Haarreifen und natürlich ganz normalen Flaggen. Ich bin gespannt, wie das werden wird! Außerdem gibt es eine Auswahl an Feuerwerksartikeln – richtiges Feuerwerk wie z. B. Raketen sind zwar immer verboten, aber kleinere Knaller, Rauch- und Wunderkerzen usw. sind immer erlaubt, nur normalerweise nirgendwo zu finden. Ich habe schon eine Schachtel für Silvester gelagert!

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