Am Samstag haben wir endlich auch einmal Amish Country besucht. Von Columbus aus ist das ein ziemlich langer Tagesausflug: Man fährt gute zwei Stunden pro Strecke, hinzu kommen beträchtliche weitere Strecken innerhalb von Amish Country. Amish Country ist nämlich kein fest definiertes Gebiet, sondern einfach die touristische Bezeichnung für die Gegend um Holmes County, in der viele Amish leben. Und gerade weil sie dort ihrem Alltag nachgehen ist es gar nicht so einfach, etwas zum eigentlichen Besichtigen zu finden. Wenn man auf den abgelegeneren Straßen durch die Gegend fährt, sieht man sehr viele “Buggies”, einfache schwarze Pferdekutschen, mit denen die Amish sich fortbewegen, denn Autos dürfen sie nicht fahren (höchstens mitgenommen werden). In den Buggies, auf Fahrrädern und am Straßenrand sieht man auch viele Amish in ihrer typischen Kleidung, die Männer mit Hut, die Frauen mit Hauben (ein paar Fotos gibt’s unter dem Link oben; die Amish möchten überwiegend nicht fotografiert werden, deshalb gibt’s keine eigenen Bilder). Man sieht auch die Häuser der Amish, die von außen ziemlich normal aussehen, allerdings ohne Garage und Stromleitungen, denn die Amish leben in der Regel ohne Strom. Dafür gibt’s dann öfters einen Pferdestall, einen Gemüsegarten und große Wäscheleinen. Amish Country ist hügelig und insgesamt sehr hübsch anzuschauen!

Für die Touristen gibt es zahlreiche Restaurants (try our Kartoffelsalat!), Weingüter, Käsereien usw. Die Amish betreiben zwar tatsächlich viel Landwirtschaft (hier in Columbus kann man auch einige Amish Produkte kaufen), aber die meisten Läden und Restaurants schienen mir in erster Linie kommerziell auf die Touristen orientiert, ohne dass ich irgendetwas besonders Anderes daran erkennen konnte. Außerdem gibt es viele Möbelläden, denn die Amish produzieren auch ordentliche Holzmöbel. Wir sind also den ganzen Tag durch Amish Country gefahren auf der Suche nach Orten, an denen man dem Leben der Amish vielleicht doch ein kleines bisschen näher kommen kann. Ich kann folgende Orte empfehlen:

  • Yoder’s Amish Home and Farm.Hier kann man zwei Wohnhäuser besichtigen, in denen die Amish wirklich gelebt haben: Ein sehr altes und eines, das vor 30 Jahren noch in Gebrauch war. Die Leute, die einen durch die Häuser führen wissen viel über die Amish. Man sieht die Herde, Öfen und Bügeleisen ohne Strom, die Nähmaschinen, wie Kleidungsreste zu Teppichen verarbeitet werden, den Gemüsegarten usw. Man lernt, wo die Messen veranstaltet wurden, denn Amish sein ist eine Religion, und alle 14 Tage wird eine Messe bei einem der Gemeindemitglieder zu Hause veranstaltet. Es gibt eine Küche, die von “echten” Amish betrieben wird, wo wir fantastische deutsch schmeckende Apfeltaschen gegessen haben. Zu den beiden Wohnhäusern gibt es einen großen Stall mit allerlei Tieren, was den Gast sehr interessiert hat. Man hätte auch zusätzlich eine Buggy-Tour machen können.
  • County Road 77. Das ist zugegebenermaßen kein richtiger Ort zum Besichtigen, aber dort haben wir besonders viele Buggies, Amish und Häuser der Amish gesehen.
  • Lehman’s. Das ist eine Art Baumarkt/ Küchenladen für die Amish. Hier kann man die Öfen ohne Strom, die Gaslampen, die Kühlschränke mit Fach für einen Eisblock, die manuell betriebenen Rasenmäher, Butterstampfer, Einmachgeräte und sogar Ersatzteile für die Buggies kaufen. Wir waren alle sehr fasziniert von dem riesigen Laden und die dreiviertel Stunde, die wir vor Ladenschluss noch hatten, hat nicht gereicht, alles gründlich anzuschauen.
  • Ein beliebiger Country Store, vor dem Buggies parken. Viele Läden in Amish Country haben einen Parkplatz für die Autos und einen für die Buggies. An so einem Laden sollte man mal anhalten und reingehen (einer ist z. B. mehr oder weniger neben Lehman’s). Dort gibt es oft ganz normale Lebensmittel, aber auch viel “in bulk”, also aus Schütten zum Abfüllen in mitgebrachte Gläser. Manchmal gibt es dort auch die Kleidung der Amish, vor allem Hüte und Männerhosen, denn vieles wird noch selber genäht oder bei SchneiderInnen aus der Gemeinde in Auftrag gegeben. Man kann dort auch eine Amish Zeitung kaufen, die hauptsächlich aus kleinen Berichten von Amish überall in Nordamerika besteht, in der Art: Wetter gut, Obstbäume tragen reichlich, XY war letzte Woche zu Besuch.

Alles in allem lohnt ein Ausflug nach Amish Country. Ich hätte allerdings gerne noch einen besseren Einblick in das Leben der Amish gehabt. Selbst während man durch die Gegend fährt, bleibt es bizarr, dass ausgerechnet in einem der konsumfreudigsten Länder der Welt eine große, nicht nennenswert schrumpfende Gemeinschaft von Leuten auf eine Art lebt, die fast keine Schnittmengen mit der normalen Gesellschaft hat – und das, obwohl viele Amish bei ihrem Job durchaus mit der “normalen” Gesellschaft in Berührung kommen. Für die meisten Aspekte der Lebensweise der Amish habe ich durchaus Respekt, all die Gemeinschaft, Landwirtschaft, alles selber zu machen usw. hat ja mit Sicherheit auch Positives. Die Amish gehen allerdings nur bis zur achten Klasse in die Schule, d. h. sie besuchen noch nicht einmal die High School, und ziemlich genau an diesem Punkt hört mein Verständnis dann auch auf. Andererseits sollte man die Amish auch nicht alle in einen Topf werfen, denn es gibt verschiedene “Orders” mit unterschiedlichen Regeln. Und in der Gegend leben auch viele Mennoniten, die sich ähnlich kleiden mögen, die aber z. T. Autos fahren, Kirchen haben, und eine vernünftige Ausbildung nicht ablehnen.