Gestern waren wir das erste Mal auf eine amerikanische Hochzeit eingeladen, allerdings auf eine eher untypische. Michael kennt die Braut von der Arbeit her. Ihr erster Mann, deutlich älter als sie, war nach langer Krankheit gestorben. Nun hat sie jemand anderes geheiratet, der tragischerweise in den letzten Wochen ebenfalls tödlich erkrankt ist. Die Hochzeit fand auf dem Firmengelände statt und bestand aus einer kurzen Zeremonie plus Empfang. Nicht jede Hochzeit geht hier den ganzen/ halben Tag. Auch ist es hier weniger kompliziert mit Standesamt usw. Wenn man kirchlich heiratet, kann der Geistliche die rechtlich gültige Heiratsurkunde unterzeichnen, ansonsten hat man die Wahl aus einer großen Zahl dafür berechtigter Personen (freie Geistliche und andere). Es ist durchaus üblich, die Trau-Versprechen selber zu schreiben und so kann man sich dann das Blaue vom Himmel versprechen. Gestern gab es Sekt und kleine Snacks, formelle “Toasts”, einen Hochzeitstanz und einen einzelnen, leicht gezwungenen Tanz zu “YMCA” von allen. Das Ende der Veranstaltung war vorher bereits auf 19:15 Uhr festgelegt und um 19:20 Uhr waren dann auch alle weg. Anlässlich dieser Hochzeit fiel auch wieder auf, wie viele implizite Regeln es für alles mögliche gibt, von denen wir hier leider die wenigsten kennen:
1. Was anziehen? Okay, als Mann kann man mit einem Anzug nicht viel falsch machen, falls nicht gerade auf der Einladung um Smoking gebeten wurde (was hier wohl häufiger vorkommt). Ich musste allerdings feststellen, dass alle meine feinen Sommersachen schwarz oder schwarz-weiß sind und hatte deshalb schon Wochen vorher eine kleine Umfrage gestartet, ob das wohl als Farbe okay ist. Fazit: Schwarz-weiß ist auf jeden Fall okay, weil viele andere schwarz-weiße Kleider hatten. Fast alle hatten kurze, geblümte Kleider an. Das hatte ich mir vorher schon gedacht. Ich hatte ein schwarzes Kleid an, als Einzige, aber mit einem bunten Tuch. War wohl auch okay.
2. Wie viel schenken? Irgendwie habe ich den Eindruck, dass man hier sehr viel großzügiger schenkt. Gestern waren z. B. Geldgeschenke erwünscht und das ist ja besonders kritisch, wenn man nicht weiß, wie viel angebracht ist und andererseits auch nicht im Geld schwimmt, z. B. im Vergleich mit vielen anderen Gästen, die leitende Positionen in der Firma haben und zwei Gehälter. Eine kleine Internet-Recherche hat hier leider keine eindeutigen Ergebnisse erbracht. Wir haben uns letztlich für eine Kombination aus Geld und einem Reiseführer (die beiden wollen nach Paris fahren) entschieden. Ob das angemessen war oder nicht, werden wir wohl nie herausfinden.
3. Unauffällig sein. In einem fremden Land sollte man auf jeden Fall vermeiden, der erste mit irgendwas zu sein, sei es mit Gratulieren, ins-Gästebuch-eintragen, tanzen, was-weiß-ich. Es ist besser, wenn man sich an den anderen orientieren kann. Ins Gästebuch haben z. B. die meisten einfach “Congratulations” oder “All the best” geschrieben und ihren Namen, nix mit ausgefeilten Sprüchen oder so.
4. Musik: Sehr kulturabhängig (ach nee!). Das wäre an sich kein Problem gewesen, wenn man nicht Michael in letzter Minute noch als DJ eingespannt hätte. Hat auch alles gut gegangen, vor allem, weil im Wesentlichen irische Hintergrundmusik gewünscht war, wozu es auch ein paar passende CDs gab. Aber eine hastige Durchsicht unserer gar nicht so kleinen Musiksammlung hat noch mal ganz deutlich gezeigt, dass es nahezu unmöglich ist, selber etwas Passendes mitzubringen. Abgesehen von Frank Sinatra, Dean Martin und Elvis haben wir nichts idiotensicheres gefunden. Wir haben doch mehr deutsche Musik als man so denkt. Manche englischsprachige Musik, von der man vermuten würde, dass sie gut zur “YMCA”-Fraktion passt, ist hier vollkommen unbekannt (It’s raining men…). Manche englischsprachigen Musiker fluchen ständig, da weiß man auch nie, wie das hier ankommt (Robbie). Überhaupt bergen die Texte hier natürlich mehr Potential, unangemessen zu sein, weil die Gefahr größer ist, dass sie auch wirklich gut verstanden werden. Man glaubt gar nicht, wie viel dadurch rausfällt. Im Grunde ist klar, dass man sich auf so eine heikle Aufgabe am besten gar nicht einlassen sollte - durch die besondere Situation gestern wäre es aber auch nicht möglich gewesen, sich dem zu entziehen. Den Leuten hat die Musik aber trotzdem gefallen, und jetzt wird Michael damit geärgert, der inoffizielle Firmen-DJ zu sein - die nächste Kongressparty kommt bestimmt!