Dieses Wochenende ist Comfest (”Community Festival”) in Columbus, und zwar in Goodale Park ganz bei mir in der Nähe. Ich hatte angenommen, dass das halt wieder so ein Festival sein würde wie es hier Dutzende im Sommer gibt (Arts Fest, Jazz & Rib Fest, Irish Festival, Italian Festival, Oktoberfest, Festival Latino…), aber das Comfest ist eine ganz andere Liga. Neuss hat das Schützenfest, Köln hat den Karneval, Columbus hat das Comfest! Diesen Stellenwert nimmt das Festival hier etwa ein, wenn der Vergleich auch sonst ein bisschen hinkt.

Das Comfest geht von Freitag bis Sonntag, jeweils den ganzen Tag. Im Park sind mehrere Bühnen aufgebaut, auf denen es kostenlose Konzerte von Jazz bis Pop gibt. Dazu etliche Fressbuden, wo man vom Hamburger bis zum veganen Kuchen alles Mögliche kaufen kann. Dazu Bierbuden (Schock! Bier in der Öffentlichkeit! Und dabei sind doch auch viele Kinder auf dem Comfest!). Das Ganze hat einen liberal-alternativen Hauch, wie ein kleines Möchtegern-Woodstock. Die letzten Hippies kommen aus den Löchern, in Batik-Shirts und dem Geruch nach zu Urteilen mit Joints, die Leute liegen auf Decken im Park, manche übernachten dort sogar. Man sieht viel mehr interessante Leute als sonst (bei der Gelegenheit ist mir erst klar geworden, dass man hier sonst nie einen Punker oder eine Frau in Gothic-Klamotten sieht).

Dazu fällt das Comfest mit dem Christopher Street Day zusammen. Columbus ist angeblich eine der gay-friendliest cities in den USA, und heute gab es eine Parade. Entsprechend sind auch viel mehr schwule oder lesbische Paare auf den Straßen als sonst. Alle sind gut gelaunt - alle, bis auf die religiösen Rechten, die es sich nicht nehmen lassen, gegen die Parade zu demonstrieren. Das widerum bewegt die gemäßigten Kirchen dazu, ihrerseits an der Parade teilzunehmen: Gut 30% der Wagen waren von irgendeiner Gemeinde (St. Stephan, die katholische Gemeinde bei uns, war auch dabei). Die Parade ist sehr, sehr viel gemäßigter als in Köln - fast alle hatten irgendein schlabberiges Motto-T-Shirt an, fast ein bisschen schade.

Ein bisschen politisch ist das Comfest auch: Man kann Buttons für Obama kaufen, sich in das Wählerregister eintragen lassen, und für allerlei gute Zwecke unterschreiben. Zum Beispiel wird in Ohio im November vermutlich ein Gesetz zur Volksabstimmung kommen, das Unternehmen ab einer gewissen Größe verpflichten wird, bezahlte “sick days” für ihre Angestellten zur Verfügung zu stellen. Oder es gibt Appelle an die Abgeordneten in Senat und Repräsentantenhaus (sowohl auf Federal- als auch auf State-Ebene), sich mehr um die Umwelt zu kümmern. Und es gibt einen Aufruf, die Krankenhäuser per Gesetz zu verpflichten, Vergewaltigungsopfer über sexuell übertragbare Krankheiten und die Pille danach zu informieren. Die meisten Aufrufe klingen sehr vernünftig, und oft lerne ich erst dadurch, was es hier alles nicht gibt.

Alles in allem ist das Comfest eine super Sache und prima geeignet, Columbus besser kennen und lieben zu lernen!

Gestern wurden wir in die Geheimnisse eines Spiels eingeweiht, das wir schon manches Mal im Park beobachtet hatten. Es handelt sich um Cornhole, ein offenbar besonders im Mittleren Westen beliebtes Freizeitvergnügen. In dieser Computerspielvariante bekommt man einen Eindruck davon, wie es funktioniert. Cornhole wird draußen gespielt, und im Wesentlichen geht es darum, ein mit Mais gefülltes Säckchen in ein Loch in einem schräg liegenden glatten Brett zu werfen. Die American Cornhole Association hütet Spielregeln und Brettmaße, und die Bretter sind in Columbus gerne rot und grau - in den Farben der Buckeyes gestrichen. Cornhole macht durchaus Spaß - ein nettes Spiel für den Park, die ganze Familie, eine Party. Die Regeln sind unkompliziert, man muss nicht ständig konzentriert sein, man muss nicht viel herumlaufen…

Die Columbus Metroparks geben sich wirklich größte Mühe damit, den Leuten die Natur nahe zu bringen. Nicht nur, dass man in den Parks schön wandern oder spazieren gehen kann, nein, es gibt auch zahlreiche kostenlose Vorträge, thematische Führungen und so weiter. Heute waren wir im Clear Creek Metropark bei einer Salamander-Führung. Clear Creek ist so weit von Columbus entfernt (knappe Stunde Fahrt pro Strecke), dass ich nicht richtig verstehe, warum der Park überhaupt zu Columbus gehört, aber was soll’s. Jedenfalls gibt es dort wunderschöne Natur: Zum Beispiel den Fluss, einen kleinen See, Wanderwege, Präriegrasflächen, Wälder, Felsen, auf denen in der Eiszeit Gletscher waren und die immer noch interessante Farben und Formen zeigen. Und ein paar nette Rangerinnen, die einer hauptsächlich aus Familien bestehenden Gruppe das Leben der Salamander nahe bringen wollten. Vorsorglich hatten sie schon ein paar Salamander gefangen und in Plastikdosen mitgebracht, aber auf der Wanderung haben wir tatsächlich auch selber welche gesehen, dazu noch Frösche, eine Wasserschildkröte, Greifvögel und einen Biberdamm, den die Biber ganz von selbst im letzten Jahr dort angelegt haben. Zwar sind Michael und ich im Gegensatz zu den Schulkindern nicht in Jeans und Turnschuhen in den Fluss gesprungen, um die Lebewesen besser packen zu können, aber trotzdem war die ganze Angelegenheit ziemlich interessant. In Ohio leben ziemlich viele verschiedene Arten Salamander, einige davon vom Aussterben bedroht. Von den Salamandern gibt’s leider keine Fotos, aber hier sind ein paar Bilder aus dem Park, angefangen mit dem Fluss, bei dem die Salamander leben:

Auf Salamanderfang

Hier ein paar Flussgräser:

Gräser

Und schließlich ein Fischer - Forellen aus dem Fluss darf man nur behalten, wenn sie länger als 30cm sind, ansonsten sind sie zu jung. Scheint sich also zu lohnen.

Fischer im Clear Creek

Michael und ich wünschen allen Leser/innen dieses Blogs frohe Ostern! Die freien Tage haben uns gefehlt, aber wir haben trotzdem ein wunderbares Osterfest gehabt. Nach der Osternachtsmesse gab es einen Empfang im Pfarrzentrum, den ich komplett unterschätzt hatte: Es gab ein riesiges kaltes und warmes Büffet und Getränke aller Art, sogar auch Wein. Am Ostersonntag hatten wir dann ein spätes Frühstück mit selbstgefärbten Eiern, deutschen Schokoeiern und selbstgemachtem Brot. Das Wetter war gut, trocken, ein bisschen sonnig und nicht allzu kalt, so dass wir in den Battelle Darby Creek Metropark gefahren sind zum spazieren gehen. Es war so schön, dass wir gute zweieinhalb Stunden dort herumgewandert sind, und dabei haben wir nur einen kleinen Bruchteil von Columbus’ größtem Metropark gesehen.

Michael in Battelle Darby Creek Metropark

Friedhofshügel bei Battelle Darby Creek Metropark

Am Abend haben wir uns dann an einem Lammgulasch versucht, was auch gut geklappt und zu einem leckeren Ostermenü beigetragen hat - kurz, wir hatten ein rundum schönes Osterfest - und ich hoffe, das hattet ihr auch.

Die Schulkinder in den USA haben den ganzen Sommer über Ferien, ungefähr drei Monate lang. Da die Eltern häufig beide arbeiten und manchmal überhaupt keinen bezahlten Urlaub, manchmal nur eine oder zwei Wochen haben stellt sich die Frage, wer die ganze Zeit über auf die Kinder aufpassen soll. Selbst zu den wohlmeinendsten Verwandten (z. B. Großeltern in Rente) können die Kinder meist nicht drei volle Monate geschickt werden. An dieser Stelle kommen die sogenannten Summer Camps ins Spiel. Diese können zwar mit Übernachtung an einem entfernten Ort sein, die Regel sind aber Tagscamps in der eigenen Stadt, wo man die Kinder vor der Arbeit hinbringt und nachher wieder abholt. Das Columbus Parent Magazine bietet eine Übersicht über die zahlreichen Camps in Columbus, die sich nach Auskunft befreundeter Eltern sehr schnell ausverkaufen. Die Kosten für so ein Camp sind unterschiedlich - je nach Dauer der Betreuung (halbtags, ganztags, flexible Bring- und Abholzeiten), Alter der Kinder und konkretem Angebot können aber laut Camp Guide schnell ein paar hundert Dollar pro Woche zusammen kommen.

Wir selber werden im Sommer drei Wochen lang eine Dreizehnjährige zu Besuch haben, und ich hatte gehofft, sie ein paar Tage lang in ein Halbtagscamp schicken zu können, wo sie amerikanische Kinder treffen und nebenbei ein bisschen Englisch lernen könnte. Abgesehen von den teilweise horrenden Preisen war aber auch inhaltlich nichts Geeignetes zu finden. In Frage wäre etwas mit Sport, Natur oder Kunst gekommen, wo man nicht supergut Englisch können muss. Solche Angebote richten sich aber häufig an jüngere Kinder. Ab 13 scheint es dann deutlich anspruchsvoller zu werden: Es gibt Camps zur Vorbereitung auf die nächsten Schritte in der Schulkarriere, die Sport-Camps werden sehr leistungsorientiert (sieben Stunden Cheerleading am Tag sind vielleicht doch etwas viel), die Kunst-Camps konzentrieren sich stärker auf Theater und Medienproduktion. Ich rechne nicht damit, dass wir doch noch etwas Passendes finden. In unserem Fall ist das ja auch nicht schlimm, aber ich frage mich schon, was die Kinder von Leuten mit durchschnittlichem Gehalt oder weniger die drei Sommermonate über machen. Besonders wenn man mehrere Kinder hat scheinen diese Camps nur erschwinglich, wenn zwei überdurchschnittliche Einkommen da sind.

Wir sind zufrieden mit unserer Karnevalsparty. In letzter Minute haben wir noch zwei Deutsche hier kennen gelernt, die auch dabei waren. Die meisten Gäste hatten sich Mühe gegeben, irgendwas in Richtung Kostümierung zu unternehmen. Das amerikanische Karnevalsbier ist supergut angekommen, die Leute sind lange geblieben und wir hatten Spaß. Wir hatten allerlei deutsches Essen gemacht (Erbsensuppe, Frikadellen, Halve Hahn und so), was bei manchen gut angekomen ist, bei anderen nicht so, den Überbleibseln nach zu urteilen. Alles in allem war es aber sehr nett. Hier ein paar Fotos von vor der Party, den Partygästen möchte ich einen unfreiwilligen Auftritt im Internet dann doch nicht zumuten:

Luftballon Deko

Der Dom aus Bonbons

Karnevalsdeko

Karneval wird hier nicht gefeiert. So selbstverständlich wie das klingt, ist das gar nicht, gibt es doch in den Südstaaten Mardi Gras, was im Prinzip ganz ähnlich ist. Hier in Ohio kommt davon bestenfalls das Mardi Gras Bier an - und die Pfarre veranstaltet ein kleines Fest zu Mardi Gras, das aber wie ein ganz normales Pfarrfest klingt, also nix mit Kostümen und so.

Paradoxerweise habe ich dem Karneval am wenigsten abgewinnen können, als ich noch richtig im Rheinland gewohnt habe. Je weiter ich weggehe (erst Bremen, dann Ohio), umso mehr fallen mir die Vorteile des Karneval auf. Zunächst mal bekommt man ja häufig einen Tag frei. Selbst an den Tagen, an denen man zur Arbeit geht, ist doch häufig alles etwas ruhiger: Manchmal kann früher Schluss gemacht werden, viele Kollegen oder Kunden sind vielleicht Karneval feiern, Wunderdinge werden nicht unbedingt erwartet. Zugegeben, dies ist sicher je nach Job sehr unterschiedlich - ich weiß, dass es auch Leute gibt, die 100% durcharbeiten, Rosenmontag inklusive, aber für viele Leute im Rheinland ist der Karneval doch eine weniger arbeitsintensive Zeit.

Dann kommt der Karneval auch genau zu einer Zeit im Jahr, in der der Winter besonders trostlos erscheint. Weihnachten ist längst vorbei, bis Ostern ist es noch ewig hin, die Tage sind kurz, der Himmel grau, die Leute übel gelaunt. Da kommen die farbenfrohen Dekos, die Musik und die vielen gutgelaunten Jecken doch sehr gelegen. Weiterhin bin ich sehr für allerlei Karnevalsgebäck zu haben, besonders für die Muzen und Muzemandeln. Das alles sind schon mal Vorteile, die man genießt, selbst wenn man gar nicht feiern geht.

Wenn man doch geht und das Glück hat, einen Ort zu finden, an dem keine betrunkenen Kids und nur moderat betrunkene Erwachsene (wenigstens überwiegend) sind, an dem es voll, aber nicht zu voll ist, an dem wenig Schlager und mehr kölsche Karnevalsmusik gespielt wird, dann kann doch auch das Feiern ganz nett sein. Manchmal treffen dann die ganzen Klischees tatsächlich zu: Dass die Leute Abstand von ihren Alltagsproblemen bekommen, mit wildfremden Leuten schunkeln, und das alles altersübergreifend. Ob sich ein bisschen davon auch nach Columbus transportieren lässt, werden wir am Samstag feststellen, denn dann kommen ein paar Leute zu einer kleinen Karnevalsparty vorbei. Neben Michael und mir kommen noch drei Deutsche, eine davon ein Ex-Funkemariechen aus Mainz, eine aus Süddeutschland und eine aus Aachen. Ich bin gespannt!

Auch der zweite Schmuckkurs macht Spaß. Bisher habe ich gelernt, das Metall so zu behandeln und zu erhitzen, dass es seine Farbe ändert, es zu polieren und es an ein anderes Stück Metall zu nieten. Herausgekommen ist dabei dieser Anhänger:

Ketten-Anhänger

Als nächstes ist dann ein Ring dran.

Als drittes kulturelles Event sind wir am Sonntag mit Freunden im Columbus Museum of Art gewesen (Sonntags Eintritt frei). Eigentlich hatten wir vor, die Monet-Ausstellung anzuschauen, deren letzter Tag es war, doch diese kostete ordentlich Eintritt pro Person und war zudem total überlaufen - die Warteschlange war mindestens 45 Minuten. Da wir die Seerosenbilder teilweise schon in London oder sonstwo gesehen hatten, beschlossen wir, nur die normalen Ausstellungen anzusehen.

Dafür, dass Columbus so viele Einwohner hat ist das Museum relativ klein, aber sehr nett. In der oberen Etage gibt es Werke berühmter Künstler, meist aus der Moderne, sortiert nach Stilen (Impressionismus, Expressionismus usw.) und Herkunft (Europa, Amerika). In einem Raum gibt es wechselnde zeitgenössische Kunst, in einem weiteren aktuelle Kunst aus Columbus. Die Räume sind gut erläutert und im Grunde ist alles da, was ein Kunstmuseum braucht, nur eben in kleinen Mengen.

Die untere Etage ist für die Kinder bestimmt, es gibt vieles zum Mitmachen (Verkleiden, Zeichnen, Malen), alles sehr bunt und auf Augenhöhe der Kinder und mit Sicherheit total toll für diese. So was habe ich noch nie in einem Kunstmuseum gesehen, aber es sah sehr gut gemacht aus und ist bestimmt super geeignet, Kindern das Museum schmackhaft zu machen. Alles in allem ein sehr nettes Museum!

Dieses Wochenende genießen wir die geballte Kultur in Columbus! Samstag Abend gab es in Skully’s Music Diner, einer Art Club hier in der Nähe, ein Konzert von fünf lokalen Bands, die von einer Veranstaltungszeitschrift als vielversprechend fürs nächste Jahr betrachtet werden. Eintritt frei. Obwohl der Club nur ca. 15 Fußminuten entfernt ist, mussten wir mit dem Auto fahren, weil es z. Z. tags -8°C ist, letzte Nacht waren es -17°C, plus Windchill - gefühlte Temperatur also noch drunter. Wir haben nicht selber nachgemessen, aber selbst in dickem Wollmantel mit Stiefeln und Mütze ist die Kälte auf den max. 40 Metern vom Parkplatz zum Eingang komplett bis auf die Haut gekrochen. Von dem Konzert haben wir nur die ersten zwei Bands gesehen, denn es ging um 22 Uhr los, jede Band durfte lange spielen und natürlich braucht es lange Pausen zum Umbauen. Die Musik-Stile waren wild gemixt, die erste Gruppe, Rosehips, waren eher so Indie-Rockerinnen. Die nächsten waren Rapper mit Sonnenbrillen, Hosen in den Knien und so weiter. Die Konzertbesucher waren entsprechend wild gemischt, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die meisten wirklich an allen Bands interessiert waren. Trotzdem war es sehr lustig, die Rosehips haben mir gut gefallen und die Rapper waren ein echtes Erlebnis.

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